12.3.07

Aus der neuesten Frank O'Hara-Forschung

Der berühmte Goldene Wald

Der berühmte Goldene Wald, auf dessen Lächeln Frank O’Hara in seinem Gedicht “There's such an I love you!” anspielt, ist nicht der Goldene Wald des Waldelbenreiches Lothlorien in Tolkiens “Herr der Ringe”, wie von einigen Gelehrten vermutet wurde, und entstammt auch nicht dem von T. S. Eliot vielfach zu Rate gezogenen “Golden Bough”, wie Clyde Claud Kernbeisser in einem Essay anregte.

Die von Maxine Chu-Min angestellten minutiösen Forschungen haben jetzt ergeben, dass O’Hara über den Umweg Eric Satie, dessen Musik er liebte, auf eine provençalische Sage gestoßen war, die wiederum auf Umwegen aus der nordischen Sagenwelt nach Südfrankreich gelangt war.

In dieser Sage wird ein vielseitig begabter (und wahrscheinlich latent homosexueller) Prinz auf Wanderschaft geschickt, erleidet in Folge einer Auseinandersetzung mit japanischen Einheiten Schiffbruch auf einem Kanonenboot und strandet auf einer schneeweißen Insel. In der Ferne leuchtet lockend der Goldene Wald.

Im Wald, den der Prinz nach strapaziöser Wanderung erreicht, trifft er das wunderschöne, nur in luftiges Taffeta gekleidete Schneemädchen, das sich ihm, Ohnmacht vorschützend, an die Brust wirft.

Er soll, wie Tausende zuvor, in Liebe zu ihr entbrennen und fortan zu ewigem Schattendasein verdammt im Goldenen Wald hausen.

Der Prinz widersteht den Reizen und dem zuvor als unwiderstehlich bekannten Kuss der Schneemaid (vermutlich aus dem oben angedeuteten Grund), ja, lässt diese ganz rüde auf den vereisten Boden fallen.

Darauf lächelt und schmilzt der erlöste Wald.

Die Schneemaid aber verwandelt sich in eine nicht mehr so sonderliche schöne, dafür aber herzensliebe Prinzessin, die mit dem Prinzen gern den Bund der Ehe eingehen würde.

Der Prinz liest die Sterne, lässt sich außerdem zur Sicherheit das Horoskop stellen und lehnt dankend ab, da in seiner Zukunft nur Männer, Leinwände, mit seltsamen Zeichen gefüllte selbstklebende kleine gelbe Papyri und ein Vorläufer des Grammophons vorkommen.

Er schifft sich erneut ein und erreicht nach etlichen Unbilden das sagenhafte Vinland, wo er im Kreise wackerer Recken glücklich wird und bald in einem Kunstmuseum Arbeit findet.

Von einigen Forschern wird spekuliert, dass Vinland entgegen bisherigen Erkenntnissen nicht an der kanadischen Küste lag, sondern in der Gegend des heutigen New York.

– Johannes Beilharz (Copyright 2007)

Über Anregung

Um aus einer Anregung etwas Literarisches entstehen zu lassen, bedarf es eben nicht nur der Anregung an sich.

Man kann den Vergleich mit einem Feuerzeug zu Hilfe nehmen. Die Anregung wäre der Finger, der das Rädchen drehen wird.

Aber es wird eben mehr gebraucht als nur dieser Finger; unabdingbar ist auch der Brennstoff. Es muss etwas da sein, was die Fähigkeit hat, gezündet zu werden.

Und das Rädchen muss auch die richtige Reibung erzeugen. Ohne die kann kein Funke, keine Flamme entstehen.

Ein glückliches Zusammentreffen verschiedener Voraussetzungen ist also notwendig.

Kommt noch hinzu die Menge des verfügbaren Brennstoffes. Und dass das Ventil gedrückt bleibt. Sonst ist Kürze die Würze ... oder es gibt eine fade Sparflamme.

Ernst Stadler: Anrede

Anrede

Ich bin nur Flamme, Durst und Schrei und Brand.
Durch meiner Seele enge Mulden schießt die Zeit
Wie dunkles Wasser, heftig, rasch und unerkannt.
Auf meinem Leibe brennt das Mal: Vergänglichkeit.

Du aber bist der Spiegel, über dessen Rund
Die großen Bäche alles Lebens gehn,
Und hinter dessen quellend gold'nem Grund
Die toten Dinge schimmernd aufersteh'n.

Mein Bestes glüht und lischt - ein irrer Stern,
Der in den Abgrund blauer Sommernächte fällt -
Doch deiner Tage Bild ist hoch und fern,
Ewiges Zeichen, schützend um dein Schicksal hergestellt.

Ernst Stadler

(Geb. 1883 in Colmar, gest. 1914 in Zandvoorde bei Ypern)

Dieses beeindruckende Gedicht des gleich zu Anfang des 1. Weltkriegs gefallenen elsässischen Autors kam heute mit der täglichen Lyrikmail von Gregor Koall.

6.3.07

Über einen Zeit- und Artgenossen

Der da?
Der schielt doch immer
mit dem einen Auge
auf unvergänglichen Ruhm
in den Hallen der literarischen
Recken à la Goethe
und Walter Scott
(und behält dreckige Witze
und Zoten dem
engsten Kreis vor),
während das andere,
im Schatten und
halb zugedrückt,
sehr genau beobachtet,
was sich da irgendwie,
irgendwo an Münze
ergattern lassen könnte.

– Leopold Schütteking (1874-1929)

Wer damit wohl gemeint war?

1.3.07

Blumfelds neueste Weisheiten

Pünktlich zum 1. März, der mit vehementen Winden in Saus und Braus auftritt, zieht Blumfeld wieder vom Leder.

Weisheit Nr. n

Es braucht keinen Koch, um miserable Kost zu erkennen.

Weisheit Nr. n+1

Die Durchschnittssau hält immer noch – oder mehr denn je – die Abfälle vom Vortag für Perlen.

27.2.07

State of the Art

Eine trübe, melancholische Dichtkunst hängt über dem Land
wie der heutige graue Vorstadthimmel. Dazu wunderbar passend dieses Zitat von Tom Bresemann (das ganze Gedicht Capitol ist hier zu finden):

der himmel ist nur schüchtern
gesäumt von halbwüchsigen häusern,
die aussehen, als hätten sie bessere zeiten längst
vergessen. die straße zieht in schrittgeschwindigkeit vorbei,
auf dem weg ins wochenende: vorgärten

Nur dass das Wochenende nie zu kommen scheint.

Na dann mal los, ihr halbwüchsigen Häuser, damit ihr bald vollwüchsig seid.

25.2.07

Hölderlin Goes Jazz

Gestern abend lieferten Sänger / Sprecher / Texter / Gitarrist Oliver Steller, Dietmar Fuhr (Kontrabass) und Bernd Winterschladen (Saxophon) im Wilhelma-Theater in Stuttgart einem begeisterten Publikum den schlagenden Beweis, dass sich Hölderlins Texte sehr gut zur Vertonung und zum gesungenen Vortrag eignen – sei es nun mit sanfter akustischer oder teilweise gar nicht verschämter E-Gitarre – und dass dem "Endprodukt" viele Lieder aktueller Liedermacher auch nicht einmal annähernd das Wasser reichen können.

Dem Lebenslauf Hölderlins mit eigenen Kommentaren, Zitaten aus Briefen, gesprochenen und gesungenen Gedichten sowie Zitaten von Schiller und Goethe folgend, lieferte Steller ein kenntnisreiches und dabei äußerst unterhaltsames Porträt Hölderlins und einen zwar kurzen, aber doch m.E. repräsentativen Überblick über sein Werk.

Mit Dietmar Fuhr am Bass und Bernd Winterschladen auf mehreren Saxophon-Varianten war die Vorstellung ganz abgesehen von ihrer dichterischen Komponente auch ein beeindruckendes Jazzerlebnis.

Die Hölderlin-Tournee des Trios dauert bis Ende 2007 (Stationen siehe Link zu Stellers Webseite oben).

Einige von Stellers CDs – er hat auch andere Dichter, darunter Heine, Rilke und Kästner, vertont und ge- oder besungen – sind über den Buchhandel erhältlich, u.a. auch bei Amazon.

Mutations of Viagra / spam discovers linguistics

Some drug peddling spammers are getting awfully inventive. Here's what reached me today from Antoinette Bray with the subject "Brother who had been":

Vaigrra S0tf Tabs 4. 12
Propeoica 1. 03
Caildis 5. 65
Geneeirc Vayigra 3. 58
Levttira 11. 98
Pajxil 2. 07
Ambvien 2. 84
Lormazepam 1. 79
Xanwax 2. 83
Zoloyft 1. 12
Purce Natrtual Hoonda 39. 97
Cllohmid 1. 88
Hooiqda Patnch 43. 34
Lipvtior 2. 20
Laslix 0. 53

Some of these mutations have great literary/linguistic potential. If Lovecraft were alive, I'm sure he'd use some.

"Pajxil" = Mayan?
"Caildis" = Celtic?
"Xanwax" = new brand name for waxed dental floss product in Germany?
"Hooiqda Patnch" = Sanskrit-based Indic language?
"Propeoica" = lost play by Aristophanes

But the "Purce Natrtual Hoonda" is the best of all, some Nahuatl thrown in with Japanese as far as I can tell.

Thanks, Tony (who ever you may be), for not giving up on me after thousands of similar mails failed to get me hooked on any of these drugs.