8.1.12

Jacques Prévert: Roboterliebe

Roboterliebe

    Ein Mann schreibt auf der Schreibmaschine einen Liebesbrief und die Maschine antwortet dem Mann an Stelle der Empfängerin und ihrer Hand
    Sie ist dermaßen perfekt diese Maschine diese Maschine zum Waschen von Schecks und Liebesbriefen
    Und der Mann, bequem in seiner Wohnmaschine sitzend, liest mit der Lesemaschine die Antwort der Schreibmaschine
    Und in seiner Träumemaschine kauft er mit seiner Rechenmaschine eine Liebesmaschine
    Und in seiner Traumverwirklichungsmaschine liebt er die Schreibmaschine die Liebesmaschine
    Und die Maschine betrügt ihn mit einem Maschin*
    Einem Maschin zum Totlachen

– Jacques Prévert

Ins Deutsche gebracht von Johannes Beilharz.

Das französische Original, L'Amour à la Robote, ist in dem Band La Pluie et le Beau Temps (1955) enthalten.

*Frz. machin (Dings, Dingsbums), mit dem Wort machine in der Schreibung fast identisch, könnte auch als männliche Entsprechung der weiblichen Maschine interpretiert werden. Es schien mir nach Rücksprache mit französischen Freunden richtig, hier im Deutschen eine männlichen Entsprechung zu erfinden, den Maschin, da dies einer der möglichen Bedeutungen dieser Wortspielerei am Französischen wohl am ehesten entspricht.

21.12.11

Yuppie am Handy, Mittwochmorgen, ca. 9 Uhr

Der Mann im Gang
geht auf und ab.
Eine Kostenstelle
hält ihn auf Trab.
Ohne meine neugierigen Ohren
wäre er ganz sicher
vollkommen verloren.

– Felix Morgenstern (© 2011)

Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit, beruhend auf messerscharfer poetischer Beobachtung.

19.12.11

Ode to the owner of an inkpot

Thank you, my love,
I forgive you not –
you gave me ink
in that old pot.
But on a cold day like this
it won’t make me hot.

– Felix Morgenstern (© 2011)

A demonstratively silly ditty upon instigation by One Single Impression.

4.12.11

Friedrich Nietzsche: Der Herbst

Dies ist der Herbst: der – bricht Dir noch das Herz!
Fliege fort! Fliege fort! –
Die Sonne schleicht zum Berg
und steigt und steigt
und ruht bei jedem Schritt.

Was ward die Welt so welk!
Auf müd gespannten Fäden spielt
der Wind sein Lied.
Die Hoffnung floh –
er klagt ihr nach.

Dies ist der Herbst: der – bricht Dir noch das Herz!
Fliege fort! Fliege fort! –
O Frucht des Baums,
du zitterst, fällst?
Welch ein Geheimnis lehrte dich die Nacht,
dass eisger Schauder deine Wange,
die Purpurwange deckt? –

Du schweigst, antwortest nicht?
Wer redet noch? – –
Dies ist der Herbst: der – bricht Dir noch das Herz!
Fliege fort! Fliege fort! –
“Ich bin nicht schön”
– so spricht die Sternenblume –
“doch Menschen lieb ich
und Menschen tröst ich –
sie sollen jetzt noch Blumen sehn,
nach mir sich bücken,
ach! und mich brechen –
in ihren Augen glänzet dann
Erinnrung auf,
Erinnerung an Schöneres als ich: –
ich sehs, ich sehs – und sterbe so!” –

Dies ist der Herbst: der – bricht Dir noch das Herz!
Fliege fort! Fliege fort! –

Dies ist der Herbst: der – bricht Dir noch das Herz!
Fliege fort! Fliege fort! –

– Friedrich Nietzsche

Entnommen der Anthologie Die Ernte aus acht Jahrhunderten deutscher Lyrik, gesammelt von Will Vesper, Langewiesche-Brandt, Ebenhausen bei München 1906. Dieses Gedicht entstammt Nietzsches Buch Gedichte und Sprüche.

20.11.11

An autumn poem by Max Dauthendey


The ravens scream their wounded cry;
of night and need they prophecy.
Frost has surrounded every door;
hunger’s dog barks out there for more.
We hold each other ever more tightly;
for sake of kissing we’ve spoken only lightly.
The larks have sung themselves to death,
and clouds have shooed summer with their breath.
Your head, cradled here in my arm,
no longer knows this earth ... without alarm.

– Max Dauthendey (1867-1918)

Translated from German by Johannes Beilharz.
English translation © by Johannes Beilharz 2011.
The German original of 1905 is here.

19.11.11

Herbstliches von Max Dauthendey

Die Raben schreien wie verwundet
und prophezeien Nacht und Not.
Der Frost hat jede Tür umstellt
und der Hungerhund bellt.
Wir halten uns immer enger umschlungen,
im Küssen fanden wir noch kein Wort,
die Lerchen haben sich tot gesungen
und Wolken wälzten den Sommer fort.
Doch Dein Haupt, das in meinem Arm sich wiegt,
weiß nicht mehr, wo die Erde liegt.

– Max Dauthendey (1867-1918)

Entnommen der Anthologie Die Ernte aus acht Jahrhunderten deutscher Lyrik, gesammelt von Will Vesper, Langewiesche-Brandt, Ebenhausen bei München 1906. Dieses Gedicht entstammt dem Band Die ewige Hochzeit von 1905, war also zur Zeit der Herausgabe der Anthologie erst seit einem Jahr veröffentlicht.

Biografisches

22.10.11

In my backyard

In my backyard
I found a tart.

Says Jay, “Pray tell,
you might as well,

what will you do with it?”
“Whip cream, you nit,

put it on top
and eat the slop.”

– Felix Morgenstern (© 2011)

Written for Sunday Scribblings and My Backyard, this should easily compete with the silliest of Mother Goose.

14.10.11

Das Lied des Harfenmädchens

Frei nach Theodor Storm

Das Harfenmädchen ist heut nicht gut drauf.
Lustlos klimpert es auf den Saiten.
Noch ist ihm keiner in die Netze gegangen (gestern waren es drei,
und jetzt liegen sie alle tot auf Grund).
Und überhaupt: wieso immer auf Männerfang gehen
und dann doch keinen bekommen?
Und dann so eine unsinnige Flosse!
Manchmal hätte man viel lieber einen unbeschuppten Unterleib und zwei Beine.
Dann ein bisschen Shoppen in Rüdesheim oder Koblenz,
ein bisschen Schlendern, ein bisschen Unterhaltung.
Es ist schon ein schweres Schicksal so als Harfenmädchen.
Jeden Tag dasselbe Lied...

– Iself (© 2011)

13.10.11

Die Ersten, die Letzten und die Hunde

Ein bekanntes Sprichwort sagt:
Die Letzten beißen die Hunde.
Allerdings gibt es auch folgende Weisheit aus der Bibel:
Die Ersten werden die Letzten sein.*
Kombiniert man die beiden, ist völlig klar, dass keiner den Hunden entkommt – weder die Letzten noch die Ersten.

Allerdings kann dank deutscher Grammatik das erste Sprichwort auch so verstanden werden, dass die Hunde von den Letzten gebissen werden.

Das sind dann die sprichwörtlichen armen Hunde.

*Nur teilweise und ungenau zitiert. Kompletter Lutherscher Wortlaut: "Aber viele, die da sind die Ersten, werden die Letzten, und die Letzten werden die Ersten sein." (Matthäus 19)

19.9.11

Verified drygs

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11.9.11

Überall und nirgendwo

Sie ist wie Gott – 
man sieht ihn nicht,
aber er ist immer da.
– Tanjetschka

Zur Erläuterung: Das sagte unsere russische Praktikantin, als sie vielleicht zum fünften Mal hintereinander ins Büro kam und die gesuchte Kollegin wieder nicht vorfand.

9.6.11

Medical portrait

Now there's doctor L. the anthroposoph, (in)sincere and mature,
who'll ask what you are willing to suffer for cure.
And if you say 'not much'
he'll presribe allopathic stuff with a proven sledge hammer touch.
Whereas, if you're willing to endure,
he'll give you aurum or cuprum for good enure.

– Felix Morgenstern (© 2011)

Written upon inspiration by 'endure' from One Single Impression.

4.6.11

Gianmaria Testa & Paolo Fresu in Ludwigsburg

Gestern Abend besuchte ich ein wunderbares Konzert von Gianmaria Testa und Paolo Fresu im Ordenssaal von Schloss Ludwigsburg.

Das Zusammenspiel der beiden hat Geschichte. Hier ein Youtube-Video von 2009 mit einem Lied, das die beiden auch in Ludwigsburg spielten:

30.4.11

9 a.m., Universe

It’s a crowded place and lots of stuff’s been happening
– Badger T. Bones

Australia kills 17 sex row riots
Bolivian microphones start up for couple
Colombia landmines title race court over arrest
Damage freed lawyer in well-wishers crowd pledge
Egyptian fuel drives bride in ferry
First glimpse of the Aston Martin tragedy
Germany charged herbal medicine regulations truce
Hot wedding auction treatment
India balcony kisses pick wedding
Jakarta streets still alive
Kult evening dress raid leader guilty
London loves Kate and William
Mexico cartel boss arrests
Nuevo Leon restaurant says welcome
Obama shocked by Chinese human rights
Rafah border clash to permanently seal to open European tornado fighters
Sai Baba cadets extradited
Tripoli witness dying for first kiss as husband and rebels wife
Uganda breaks al-Qaeda suspects
Vile crowd edge up Thai-Cambodia palace
Warsaw show time foundations
Xavier my French red headed OC is ftw
Yukon Territory, Canada error reported
Zealand's Sarah Palin is back

A cocktail from various Internet sources including BBC and Twitter tweets. Confounded, mixed, stylized, rearranged, censored, enhanced, expanded, invented in typical press fashion for day 30 of NaPoWriMo.

Today's task would have been “to write a poem based on a headline – it doesn’t have to be big news – it can be any news at all, from the girl in your town who won a contest for growing a potato that looks like Queen Victoria to the tabloid offering definitive proof that aliens are designing celebrity Oscar gowns.”

Didn't go for the cutesy news stuff so much as for more or less normal random picks from the news chaos in this universe.

29.4.11

Translated from the Hittite

A baby girl was born to Hulsa and Amani
The third year after the barley dearth
A baby girl was born to Hulsa and Amani
And she was preferred by the birds

Amani was so proud of her baby girl
But Hulsa wanted a boy and begrudged her food
Amani gave the baby girl to a sage
And she was still preferred by the birds

A baby boy was born to Hulsa and Amani
The fifth year after the barley dearth
The birds circled above and the liver
Told of things ominous in the future

Hattalippi the sage took good care
Of the girl and taught her many things
How to read the birds’ flight
How to make balms and vanishing creme

The boy fell ill in his eleventh year
The girl knew it from the birds’ flight
The sage sent her off to her family
And she cured her brother with a balm

But then the Assyrians came one year
And no-one in the village was spared
Except the girl and her brother
Because they’d applied her vanishing creme

And the girl and her brother lived alone
In the village for many many years
And they were known all over Hatti lands
For their balms and vanishing creme

Reconstituted and translated from an anonymous Hittite fragment and rendered by L. Blumfeld in condensed form in modern English.

Posted for NaPoWriMo day 29. Today’s task would have been “an act of homophonic translation. In other words, ‘translate’ a poem from a language you don’t know into English, based on how the words look or sound.” This post is different, of course, in that it is not a homophonic but a more or less accurate (i.e. semantically based) translation. However, Hittite is definitely a language I don’t know.

– Iself