10.1.22

Alexander Lernet-Holenia - Mars im Widder

 


“Ich habe zum Beispiel gelesen, daß jemand einmal einen Straßenunfall und dabei das Bewußtsein verloren hatte. Als er wieder zu sich kam, fand er sich in seinem Bette liegen, und neben dem Bette saß einer seiner Freunde, von dem er wußte, daß er seit langem verstorben sei.

‘Wie kommst du denn hierher?’ fragte er ihn. ‘Du bist doch tot!’

‘Du auch’, sagte der andere.”

– Alexander Lernet-Holenia, Mars im Widder (Erstdruck 1941, vor Auslieferung verboten)

Einer meiner Lieblingsromane, den ich gerade mit großem Vergnügen zum vierten oder fünften Mal lese.


8.1.22

José Antonio Labordeta - Aragón (1977)


Aragón

Polvo, niebla, viento y sol,
Donde hay agua una huerta.
Al Norte los Pirineos:
Esta tierra es Aragón.

Al Norte los Pirineos
Al Sur la tierra callada.
Pasa el Ebro por el centro
Con su soledad a la espalda.

Dicen que hay tierras al Este
Donde se trabaja y pagan.
Hacia el Oeste el Moncayo
Como un Dios que ya no ampara.

Desde tiempos a esta parte
Vamos camino de nada.
Vamos a ver cómo el Ebro
Con su soledad se marcha.

Y con él van en compaña
Las gentes de estas vaguadas,
De estos valles, de esta sierra,
De estas huertas arruinadas.

Polvo, niebla, viento y sol,
Donde hay agua una huerta.
Al Norte los Pirineos:
Esta tierra es Aragón.

~~~~~~~~~~~

Aragon

Staub, Nebel, Wind und Sonne,
Wo es Wasser gibt, ein Obstgarten.
Im Norden die Pyrenäen:
Dieses Land ist Aragon.

Im Norden die Pyrenäen
Im Süden das stille Land.
Der Ebro fließt durch das Zentrum
Mit seiner Einsamkeit im Rücken.

Es heißt, dass es im Osten Länder gibt
In denen es Arbeit gibt, die bezahlt wird.
Im Westen der Moncayo
Wie ein Gott, der nicht mehr beschützt.

Seit undenklichen Zeiten
Sind wir auf dem Weg ins Nichts.
Sehen zu, wie sich der Ebro
Mit seiner Einsamkeit verabbschiedet.

Und mit ihm zusammen gehen
Die Menschen dieser Senkungen,
Dieser Täler, dieser Berge,
Dieser zerstörten Obstgärten.

Staub, Nebel, Wind und Sonne,
Wo es Wasser gibt, ein Obstgarten.
Im Norden die Pyrenäen:
Dieses Land ist Aragon.

Deutsche Übersetzung von Johannes Beilharz (2022)

Eines der bekanntesten Lieder des spanischen Sängers, Schriftstellers und Politikers José Antonio Labordeta (1935-2010). Erstmals veröffentlicht auf der LP Cantar i callar (1974).

Influencers

 


They all sound like clones who don’t even know what they’re cloning.

– Iself (2022)

Photo by Mateus Campos Felipe on Unsplash

12.11.21

Some cats


Some cats

Some like it wild,
Some like it hot,
Some like it in a bag,
And why not!

– Felix Morgenstern (© 2021)

19.6.21

Now, if I were

Charles Bukowski,
I wouldn’t even
feel bad about being
a pessimistic antisocial
old grouch.

I’d simply curse at
what angers me
and not waste a thought
on whether that’s
wrong or right

or whether
somebody
might give a fuck.

– Iself (© 2021)

19.3.21

Alles wird gut

 

“Alles wird gut”

Wenn man’s richtig bedenkt, dann hätte – aufgrund von mangelnder Sicherheit bezüglich der letztendlichen Wahrheit dieser in diesen herausfordernden Tagen so beliebten zukunftsorientierten Aussage – das genaue Gegenteil, also “Alles wird schlecht”, eine 50-prozentige Chance, ebenfalls einzutreffen. 

Am wahrscheinlichsten ist aber zweifellos die Aussage “Alles wird irgendwie”, die wegen ihrer weit offenen Unbestimmtheit alles zulässt und somit einen Wahrheitsgehalt von 100 Prozent hat.

– Iself (© 2020)

24.2.21

Im Osten nichts Neues

 


Hämmern, Bohren, Schleifen jeden Tag – 
das ist’s, was der Nachbar mag.

– Felix Morgenstern (© 2021)

Nachbemerkung
So versüßt der Nachbar im Osten nun schon seit Jahren die Tage.

Foto von Benjamin Trösch auf Unsplash

15.12.20

Sarah Kirsch – Queen Hortensia


At the castle gate there is a green hortensia. Green leaves, green flowers. When the leaves droop, I take a plastic jug and run for water. Queen Hortensia.

– Sarah Kirsch

Translation by Johannes Beilharz. Source: Sarah Kirsch, La Pagerie, dtv, 1984.

Translator's note
By calling the flower Queen Hortensia, the author appears to obliquely allude to Hortense de Beauharnais (1783-1837), queen consort of Holland and stepdaughter of Napoleon I.

14.12.20

Cookies of the undesirable kind

 

I’m getting diabetes from all the cookies on my PC.

– Iself (© 2020)

Every Joe Goggle Blow wants to sick the saccharine crap onto your computer to give you that oh so enhanced user experience. User experience my ass – they just want to track you so they can send their advertising experience after you.

7.10.20

No views today

No views today,
what will my mother say?

No views – 
I got the blues.

– Felix Morgenstern (© 2020)

Could easily be the beginning of a song, with a melody similar to that of “No milk today” by Herman’s Hermits, which inspired this ditty to some extent. Silly as it may seem, the number of views or likes something gets on the Internet has become extremely (and even monetarily) important for lots of people, so that no views may actually become a cause for the blues.

20.9.20

Yannis Ritsos - Vollständigkeit, beinahe

 VOLLSTÄNDIGKEIT, BEINAHE

Weißt du, den Tod gibt es nicht, sagte er zu ihr.
Ich weiß, ja, jetzt, nachdem ich tot bin, antwortete sie.
Deine zwei Hemden sind gebügelt und in der Schublade,
das einzige, was ich vermisse, ist eine kleine Rose.

– Yannis Ritsos

Übertragen von Johannes Beilharz. Titel des griechischen Originals: ΣΧΕΔΟΝ ΠΛΗΡΟΤΗΤΑ.

Internationale Lyrik in deutscher Übersetzung


Warum Goggle eine beschissene Suchmaschine ist

 

Wollte ich doch in Goggle nach "Hirtenzuflucht" suchen.

Goggle, in seiner allwissenden und besserwisserischen künstlichen Intelligenz (oder doch eher Idiotie?) suchte für mich "Piratenzuflucht", ohne auch nur anzufragen, ob ich das haben wollte.

Wahrscheinlich, weil statistisch gesehen Millionen von Idioten, die "Hirtenzuflucht" eintippen, eigentlich "Piratenzuflucht" meinen.

Orwells Großer Bruder ist überall, schaut dir immer über die Schulter und spuckt dir ständig in die Suppe.

10.9.20

Polemic short ode to Rome

 


September 2020

The pines – 
essential, 
beautiful to look at,
peaceful,
friendly – 
are dying,

while the dogs – 
loud,
aggressive and
full of shit
(they usually leave behind everywhere) – 
are thriving

– Iself (© 2020)

Notes
Apparently, there is a pest that is killing off the pines of Rome at an alarming rate. The photo was taken at Rome's Protestant Cemetery, an oasis of peace where dogs are not allowed, thank God.

Part of a volume called Disgruntled Poetics to be released in the near future.