Elf Uhr, und der Vorhang fällt. Der kalte Wind zerreißt die Strähnen der Illusion; Die zarte Musik geht unter Im Lärm der nach Hause strömenden Menschenmenge Und einer Mitternachtszeitung.
Die Nacht ist martialisch geworden; Sie begegnet uns mit Schlägen und Unheil. Selbst die Sterne sind zu Granatsplittern geworden, Fixiert in stillen Explosionen. Und hier vor unserer Tür Liegt das Mondlicht Wie ein gezücktes Schwert.
Aus dem Lied Seems So Long Ago, Nancy von Leonard Cohen, veröffentlicht auf der LP Songs from a Room (1969). Übersetzung von Johannes Beilharz.
Nancy (1943–1965) war eine Bekannte von Leonard Cohen aus seiner Kindheit in Montreal. Sie litt an einer bipolaren Depression und beging im Alter von 21 Jahren Selbstmord, kurz bevor dieses Lied geschrieben wurde.
Im Original: A green lobster is saying his prayers
Aus dem Englischen übersetzt von Johannes Beilharz. Das Zitat stammt aus dem Gedicht Pretty Beads aus: Dick Gallup, Where I Hang My Hat, Harper & Row, New York, 1970. Über Dick Gallup (englisch).
Aus dem Amerikanischen übersetzt von Johannes Beilharz. Diese winzigen Gedichte sind Bestandteil der Sammlung Electric Poems von 1972, die in den Complete Minimal Poems (Ugly Duckling Presse, 2013) enthalten ist.
Die
Wahrheit
Für mich gibt es eine Zeile am
Himmel.
Ich sehe sie, ich schaue sie an;
ich kann sie nicht übersetzen,
sie ist verschlüsselt.
Ich verstehe sie mit meinem ganzen Körper;
aussprechen kann ich sie nicht.
Der spanische Dichter, Übersetzer, Essayist und Maler José Moreno Villa (geb.
1884 in Málaga, gest. 1955 in Mexiko) studierte Chemie in Freiburg im Breisgau,
dann Geschichte in Madrid. Er arbeitete in Madrid als Bibliothekar und später
als Archivar. Nach Ausbruch des Bürgerkriegs übersiedelte er in die USA und
später nach Mexiko. Er war Mitglied der Dichtergruppe Generación del 27, zu der u.a. auch Federico García Lorca, Rafael
Alberti, Jorge Guillén and Vicente Aleixandre gehörten.
Spanisches Original: La
verdad
Un renglón hay en el cielo
para mí.
Lo veo, lo estoy mirando;
no lo puedo traducir,
es cifrado.
Lo entiendo con todo el cuerpo; no
sé hablarlo. –
José Moreno Villa
Eines der bekanntesten Lieder des spanischen Sängers, Schriftstellers und Politikers José Antonio Labordeta (1935-2010). Erstmals veröffentlicht auf der LP Cantar i callar (1974).
Note on this translation
There is a previous translation by Eva Hesse that is quoted on the Internet. She translated the word leaves as Blüten (blossoms, flowers). It seems unlikely that Ezra Pound did not know the difference between leaves and flowers, i.e. he did not require correction in German. Granted, white (the color of the flowers of lily of the valley) is paler than green (the color of the leaves), but the shape of the leaves (longish and flared) is more like the body of a woman than the flowers, which are bell-shaped (hence the German name Maiglöckchen) and round. Unless Pound really found a whitish, bell-shaped round woman by his side on that poetic morning...
Es ist März und schwarzer Staub fällt aus den Büchern
Bald werde ich weg sein
Der große Geist der hier gelebt hat
Ist schon gegangen
Auf den Alleen liegt der farblose Faden unter
Alten Preisen
Wenn du zurückschaust ist da immer die Vergangenheit
Selbst wenn sie verschwunden ist
Aber wenn du nach vorne schaust
Mit deinen schmutzigen Knöcheln und dem flügellosen
Vogel auf der Schulter
Was kannst du da schreiben?
Die Bitterkeit steigt in den alten Minen immer noch hoch
Die Faust kommt aus dem Ei
Die Thermometer aus den Mündern der Leichen
In einer bestimmten Höhe
Sind die Schwänze der Drachen einen Augenblick lang
Von Fußschritten bedeckt
Was immer ich zu tun habe hat noch nicht begonnen
(It Is March, 1964)
Deutsche Übertragung von Johannes Beilharz zu Ehren des amerikanischen Dichters W. S. Merwin, am 15.3.2019 im Alter von 91 Jahren verstorben.
Was wie Schutt klingt / Was weh tut und nicht leckt
Was unter Blut lacht
Sie, die meine Leere spannt / Was sie mir vorlügt, wenn
sie vorbeikommt
Das ganze Gesicht
Die ganze gesunde Ladung bricht die Seele
Die Verborgene singt Monate / Was hochmütig gurrt
Was saugt und tötet
Was die Küsse raucht
Zunge und Brand spaltet
Ausspuckt und liebt
Oder unter der Hand Klagen ausheckt
Alles was läuft / Und träumt / Schreib und lies nicht
All der Schmerz und die Begierden
Den ganzen Morgen und ein Blinzeln zur Unzeit
Aus dem Bett verschüttet
In Angst und Lächeln / Geflügelte Körper zur Seite
Unter der betrunkenen Dürre ein halbes Jahr
Fachwerk / Ära ohne Reisende
Die ganze Stimme jetzt
An der Wand wartend
Das Tote, das weggeht
Mit ausgefranstem
Schicksal.
– Chema Abuelayonki
Aus dem Spanischen übersetzt von Johannes Beilharz mit
freundlicher Genehmigung des Autors.
Über den Autor
José María Moreno Ibarra, Pseudonym Chema Abuelayonki, geb. 1989 in Mexiko-Stadt. Veröffentlicht sein Werk im LETRAPAQ-Format, mit Recycling-Materialien oder obsoleten Objekten erstellte Autorenbücher. Seit 2012 ist er Mitglied der Festivalgruppe 100.000 Poets for Change (100TPC), die in der Gemeinde Naucalpan de Juárez Lyrik-Events und Workshops veranstaltet. Zusammen mit Alejandro Jacome leitet er derzeit den unabhängigen Verlag Cebollas Agrias, dessen Aufgabe es ist, alle zu veröffentlichen, die daran interessiert sind, ihr Werk, sei es visuelle oder geschriebene Kunst, zu teilen.
Spanisches Original:
Todo lo que vuela…
Todo
lo que vuela / Cae y sangra
Lo
que suena de escombro / Que hiere la y no lame
Lo
que se ríe entre sangre
La
que tiende mi vacío / De la que se miente cuando llega
Toda
la cara
Toda
la sana carga quiebra alma
La
oculta canta meses / Que arrulla soberbio
Lo
que mama y mata
Que
fuma los besos
Agrieta
lengua e incendio
Escupe
y ama
O
urde llantos bajo la mano
Todo
lo que camina / Y sueña / Escribe y no lees
Todo
el dolor y las ganas
Toda
la mañana y un parpadeo a destiempo
Fuera
de la cama derramada
Dentro
del miedo y sonriendo / Al lado cuerpos alados
Bevor sich hier die Todesstille voll verbreitet ... ich arbeite schon seit längerer Zeit an Übersetzungen von Gedichten mehrerer Autoren aus dem Englisch und Spanischen.
Sie werden irgendwann in nächster Zeit hier und anderswo auftauchen.
Zu Ehren des am 3.9.2017 verstorbenen großen amerikanischen Dichters John Asbhery erschien im Feuilleton von Fixpoetry das Gedicht Five Pedantic Pieces in Übersetzung von Johannes Beilharz und Originaltext. Da es Fixpoetry inzwischen nicht mehr gibt, wird die Übersetzung hier wiedergegeben.
John Ashbery
Fünf pedantische Stücke
Eine Idee, die ich hatte und über die ich redete,
Wurde zu den Dingen, die ich tue.
Das Gedicht dieser Dinge nimmt sie auseinander,
Und ich zittere. Karger Winter, weniger verwundbar
Als der entleerte Sommer, die Nester der Worte.
Einige Stämme glauben, daß der Geist
Den abgeschnittenen Hand- und Zehennägeln innewohnt.
Sie sammeln ihre Toten eilig ein,
Bei Sonnenuntergang. Und dies wird
Einst ein vergessener Tag von vor drei Jahren sein:
Erstaunlicher Beweis für das Licht nach dem Tode.
Ein anderer Mensch. Die gelbe Backsteinmauer
Den ganzen Nachmittag über tiefer, stumpfer
Und eine Walzer singende Stimme, sentimentalen
Krimskrams fabrizierend -- Chaos, das er aushecken würde.
Und das kleine Hotel sah ordentlich aus
Und gut beleuchtet, im Dunkeln, auf dem flachen
Strand hinter den Brechern, steif, harmlos.
Und dich überrascht es, daß so etwas nicht sehr
Stabiles stehen bleibt, gefangen in unserem Mummenschanz.
Five Pedantic Pieces
(aus: John Ashbery, As We Know, 1979)
Aus dem Amerikanischen übersetzt von Johannes Beilharz
Ich liebe dich für alle Frauen, die ich nicht gekannt habe
Ich liebe dich für alle Zeiten, die ich nicht gelebt habe
Für den Geruch des weiten Meers und den Geruch des warmen Brots
Für den schmelzenden Schnee, für die ersten Blumen
Für die unschuldigen Tiere, die der Mensch nicht erschreckt
Ich liebe dich um zu lieben
Ich liebe dich für alle Frauen, die ich nicht liebe
Wer spiegelt mich besser als du, ich sehe mich so wenig
Ohne dich sehe ich nichts als eine wüste Weite
Zwischen einst und heute
Da sind alle diese Tode, die ich auf Stroh überwand
Ich konnte die Mauer meines Spiegels nicht durchbrechen
Ich musste das Leben Wort für Wort erlernen
Wie man vergisst
Ich liebe dich für die Klugheit, die nicht meine ist
Für die Gesundheit
Ich liebe dich gegen alles, was nur Illusion ist
Für dieses unsterbliche Herz, das nicht mir gehört
Du glaubst Zweifel zu sein und bist doch nur Vernunft
Du bist die große Sonne, die mir in den Kopf steigt
Wenn ich mir meiner sicher bin.
– Paul Eluard
(Übersetzung aus dem Französischen von Johannes Beilharz. Die Vorlage stammt aus Le phénix, 1951)
Das Gedicht Delphes du second jour in deutscher Übersetzung von Johannes Beilharz zu Ehren des am 1. Juli 2016 verstorbenen französischen Dichters Yves Bonnefoy erschien ursprünglich bei FixPoetry, das es inzwischen leider nicht mehr gibt..
Yves Bonnefoy
Delphi, zweiter Tag
Hier
willigt die ängstliche Stimme ein,
Den
einfachen Stein zu lieben,
Die
Bodenplatten, die die Zeit unterwirft und erlöst,
Den
Olivenbaum, dessen Kraft den Geschmack trockenen Steins hat.
Die
Schritte an ihrem wahren Ort. Die ängstliche Stimme
Glücklich
unter den Felsen der Stille,
Und
das Unendliche, das unbestimmte Responsorium
Von
Kuhglocken, Ufer oder Tod. Kein Erschrecken
Vor
deinem hellen Abgrund, Delphi am zweiten Tag.
(Delphes du second jour)
Aus
dem Französischen von Johannes Beilharz. Das Original stammt aus: Yves
Bonnefoy, Hier régnant désert, 1959.
Zu
Ehren von Yves Bonnefoy, geboren am 24. Juni 1923
und verstorben am 1. Juli 2016.
Stieg er aus dem Untergrund auf?
Fiel er vom Himmel?
Er war umgeben von Lärm,
verwundet,
schwer verletzt,
unbeweglich,
schweigend,
in die Knie gegangen vor dem Abend,
vor dem Unausweichlichen,
die Adern haftend
am Grauen,
am Asphalt,
mit seinem gefallenen Scheitel,
mit seinen Heiligenaugen,
ganz, ganz nackt,
fast blau vor so viel Weiß.
Sie redeten von einem Pferd.
Ich glaube, es war ein Engel.
(Aparición urbana)
Aus dem Spanischen übersetzt von Johannes Beilharz. Das Original wurde 1942 in dem Gedichtband Persuasión de los días veröffentlicht.
Der Dichter Oliverio Girondo (1891 Buenos Aires – 1967 ebenda) gehörte, wie die meisten seiner großen argentinischen Zeitgenossen, in den Zwanzigerjahren des 20. Jahrhunderts zum Kreis um die literarische Zeitschrift Martín Fierro – u.a. erschien dort sein surrealistisches Manifest – und blieb unter ihnen den Idealen der argentinischen Avantgarde am meisten treu. Seine Dichtung, die sich durch gewagte Tropen, seltsame Rhythmen, Sprachspielereien, Humor und Ironie auszeichnet, wurde als Abenteuer der Sprache beschrieben. Im Alltäglichen sah er eine bewundernswerte und bescheidene Manifestation des Absurden.