23.1.26

Zitat des Tages / Dick Gallup

 


Ein grüner Hummer sagt seine Gebete

– Dick Gallup

Im Original:
A green lobster is saying his prayers

Aus dem Englischen übersetzt von Johannes Beilharz. Das Zitat stammt aus dem Gedicht Pretty Beads aus: Dick Gallup, Where I Hang My Hat, Harper & Row, New York, 1970. Über Dick Gallup (englisch).

Glücksbringer


In Hundescheiße 
getreten – das wird sicher
ein glücklicher Tag.

– Iself (© 2026)

Anmerkung
Ein Haiku, das eine soeben erlebte wahre Begebenheit reflektiert. Nun hätte ich natürlich am Tatort ein Foto machen können – das aber subjektbedingt nicht sehr appetitlich ausgefallen wäre. Deshalb hier ein Bild eines anderen, weit angenehmeren Glücksbringers.

9.10.25

Spätzünder

Alfa Romeo Giulia von 1970

Gestern erst darauf gekommen, wieso bei Alfa Romeo zwei Baureihen Giulia und Giulietta heißen - und das schon seit 1954 bzw. 1962. 

Peinlich, peinlich!

29.5.25

Zitat des Tages / James Schuyler


Entschuldigen Sie, Herr Apotheker, 
können Sie mir diese blaue Feuerleiter aus den Augen nehmen?

– James Schuyler

Im Original:

Excuse me, druggist,
can you take this blue fire escape out of my eyes?

Aus dem Englischen übersetzt von Johannes Beilharz. Das Zitat stammt aus dem Gedicht Sorting, wrapping, packing, stuffing aus: James Schuyler, Freely Espousing, Sun, New York, 1979

28.3.25

Das Gedicht hört hier einfach auf



Das Gedicht hört hier einfach auf.
– R. D. Brinkmann

Und dabei hatte es so richtig schön angefangen
im Kopf seines Autors, der gerade in einem Flugzeug
von Rom nach Palermo saß, sich beengt fühlte,
da er zwischen zwei massigen Personen

auf dem Mittelsitz saß, sich fragte, ob man nicht
doch vielleicht, wie es früher üblich gewesen war,
zumindest ein paar Erdnüsse bekommen würde,
aber nein! Nur ein Glas Wasser gab es,

und für Toilettenbesuche musste man (noch)
nicht zahlen. Aber nun zu dem Gedicht an sich,
das über den Status von etwas unsagbar Schönem
nicht hinauskam und jetzt hier einfach aufhört,

so brutal und anstandslos wie einst bei R. D.
circa neunzehnhundertfünfundsiebzig.

– Johannes Beilharz (© 2025)

Rolf Dieter Brinkmann (1940-1975) war ein Dichter und Romancier. Das Zitat ist das Ende seines Gedichts Ein Gedicht, das 1975 veröffentlicht wurde.

Englische Version 

Luis Cuauhtémoc Beriozábal / Ein Strahl Hoffnung

Ein Strahl Hoffnung

Zu müde, um den Morgen
zu begrüßen oder den
Nachmittag, nachts wird es
dasselbe sein. Ich brauche
einen weiteren Tag, um meine
Gedanken ins Reine zu bringen.
Ich denke nicht wie die
andere Seite. Mir liegt 
nichts daran, zu denken wie 
die andere Seite. Ich weiß,
sie werden niemals so denken
wie wir. Es ist ein
Kampf, in den Himmel
zu sehen und einen
Strahl Hoffnung zu suchen.
Ich starre in die
Sonne und zerstöre
einen Augenblick lang
meine Netzhaut. Ich
werde mir nicht die Augen
ausreißen. Ich werde
die Welt nicht ändern, nicht
zum Besseren.

– Luis Cuauhtémoc Beriozábal

Aus dem Englischen übersetzt von Johannes Beilharz. Titel des Originals: Ray of Hope, veröffentlicht in Unlikely Stories Mark V.

Über den Autor
Luis Cuauhtémoc Berriozábal lebt in West Covina, Kalifornien, arbeitet in Los Angeles County und ist der Autor von Raw Materials (Pygmy Forest Press). Seine Lyrik, Prosa und Kunst ist in Black Petals, Blue Collar Review, Mad Swirl, Cowboy, River Dog Press und Yellow Mama Webzine erschienen. Seine Broadsides, Chapbooks und Gedichtbände sind bei Alternating Current Press, Deadbeat Press, Four Feathers Press, Kendra Steiner Editions, New American Imagist, New Polish Beat, Poet's Democracy, Rogue Wolf Press und Ten Pages Press erschienen. 

21.3.25

Das Elfenbeinturm-Haiku

Keine Klagen zu

diesem Bau! Kommt mit Buddhas

Leere. Das ist gut.

– Leonard Blumfeld (© 2025)

Anmerkung
Angeregt von einem Spiegel-Zitat, das da allwisserisch behauptete, “Wer Gedichte schreibt, sitzt nicht immer im Elfenbeinturm, sondern manchmal einfach nur im eigenen Garten oder zu Tisch.” Was sollen wir Dichter zu einer solchen generellen, fast regulatorischen Aussage sagen? Wir sitzen halt da, wo wir eben sitzen, außer wir liegen oder stehen oder tun sonstwas. Gelegentlich ja auch dichten.

Heute ist anscheinend World Poetry Day – das trifft sich ja gut!

Englische Fassung

14.2.25

Es muss wirklich nicht immer Kaviar sein


Eine persönliche Erinnerung

Der 1960 erschienene Roman Es muss nicht immer Kaviar sein – eine Mischung aus Schelmenroman und Spionageroman oder Spionageromanparodie – war der einzige Simmel, den ich jemals gelesen habe. Das Buch, ein Taschenbuch von Knaur, habe ich sicher noch in einer gelagerten Kiste. Gekauft – wahrscheinlich in Freudenstadt, weil’s da gleich zwei gute Buchhandlungen mit einem ordentlichen Sortiment gab – und konsumiert habe ich den umfangreichen Schmöker so etwa 1972. Gerade habe ich in der Wikipedia die kurze Zusammenfassung der Handlung gelesen, um meine eigenen Erinnerungen zu prüfen, und dabei festgestellt, dass ich mich an so gut wie nichts erinnere, außer dass mich die Kochrezepte und eingehenden Koch- und Essbeschreibungen schon damals im reifen Alter von etwa sechzehn unsäglich langweilten und ich sie alle größtenteils übersprungen habe. Heute würde es mir sicher nicht anders gehen. Kaviar habe ich auch nie gemocht und nie verstanden, was an diesen salzigen Eiern so besonders sein soll. An die zahlreichen Frauen, auf die der Held bzw. Antiheld im Laufe des Romans trifft, kann ich mich ebensowenig erinnern – ausgenommen eine Französin namens Chantal, deren Name mir gefiel und vermutlich auch etwas an ihrem geschilderten Charakter. Leseempfehlung? Jein. Leute, die auf Kochrezepte, MasterChef und Kochrituale stehen, sollten sich dieses Buch nicht entgehen lassen. Für andere ist der Roman vielleicht literaturhistorisch und historisch interessant – er spielt in der Zeit des kalten Krieges und wurde auch während dieser Zeit geschrieben, hat also etwas Authentisches. Was mir nun doch noch eingefallen ist: in einem Kochkapitel wird ausführlich beschrieben, was beim Salatwaschen zu tun ist, damit es nur ja kein einziger Wassertropfen bis in die Salatschüssel schafft – was einem kulinarischen Verbrechen gleichkäme. Wer keine anderen Sorgen hat!

– Iself (© 2025)

1.1.25

Robert Creeley: Du

 


Vor und zurück durch
die Zeit, viele Dinge,
für die man jemand

braucht, der einem die Hand hält.
Stolpere nicht im Dunkeln. Geh
weiter. Das ist Leben.

– Robert Creeley


Aus dem Englischen übersetzt von Johannes Beilharz (© 2024)
Titel des Originals: You. Aus: Robert Creeley, A Day Book, Scribner’s, 1972

11.9.24

Runde Zeit

 

   

Habe ich heute
doch tatsächlich um zwölf Uhr
auf die Uhr geschaut

– Iself (© 2024)

30.7.24

Zwei minimalistische Gedichte von Aram Saroyan


 

I.


                  pagner
Cham.

II.


esstc.


Aus dem Amerikanischen übersetzt von Johannes Beilharz. Diese winzigen Gedichte sind Bestandteil der Sammlung Electric Poems von 1972, die in den Complete Minimal Poems (Ugly Duckling Presse, 2013) enthalten ist.




12.6.24

Schmelzende Eiskrem am Rand deines letzten Gedankens

 


Na ja, nennen wir’s ein

Leben.

– Richard Brautigan

Übersetzt von Johannes Beilharz. Das Original befindet sich in Richard Brautigan, Rommel Drives On Deep Into Egypt (1970).

Foto von Richard Brautigan, Datum und Urheber unbekannt.

Krad-Haiku, frühmorgens

 


Im Hinterhof bruttelt
eine Möchtegern-Harley
so vor sich hin.

– Iself (© 2024)

Anmerkung des Autors
Beruht auf authentischer Erfahrung. Unmittelbar lyrisch umgesetzt.


2.6.24

José Moreno Villa / Die Wahrheit

 


Die Wahrheit

            Für mich gibt es eine Zeile am Himmel.
Ich sehe sie, ich schaue sie an;
ich kann sie nicht übersetzen,
sie ist verschlüsselt.
Ich verstehe sie mit meinem ganzen Körper;
aussprechen kann ich sie nicht.

– José Moreno Villa

Aus dem Spanischen übersetzt von Johannes Beilharz (© 2024).
Aus: Diez siglos de poesía castellana, Hrsg. Vicente Gaos, Madrid 1975.

Der spanische Dichter, Übersetzer, Essayist und Maler José Moreno Villa (geb. 1884 in Málaga, gest. 1955 in Mexiko) studierte Chemie in Freiburg im Breisgau, dann Geschichte in Madrid. Er arbeitete in Madrid als Bibliothekar und später als Archivar. Nach Ausbruch des Bürgerkriegs übersiedelte er in die USA und später nach Mexiko. Er war Mitglied der Dichtergruppe Generación del 27, zu der u.a. auch Federico García Lorca, Rafael Alberti, Jorge Guillén and Vicente Aleixandre gehörten.

Spanisches Original:


La verdad

            Un renglón hay en el cielo para mí.
Lo veo, lo estoy mirando;
no lo puedo traducir,
es cifrado.
Lo entiendo con todo el cuerpo;
no sé hablarlo.

– José Moreno Villa

23.5.24

Ein Gedicht, das nie geschrieben werden wollte

Würde man es fragen
– was absurd ist –
würde es nichts sagen
oder verwundert
mit den Wimpern klimpern

Denn Wimpern wurden ihm
angedichtet –
lange, sanft gebogene,
fast wie aus dem Schönheitssalon

– Nicole Weiß (© 2024) 

1.3.24

Der Grund meines Unglücks

ist der Widerspruch zwischen Soll und Ist – 
und somit hausgemachter Mist

– Iself (© 2024)

Ein Zitat aus dem Buch Jeder kann unglücklich sein, das in naher oder fernerer Zukunft das Licht der Welt erblicken wird.

11.1.24

Perlen literarischer Prosa I


“Die kleine Blondine an der Telefonanlage spitzte ein muschelförmiges Ohr und lächelte ein kleines flauschiges Lächeln. Sie wirkte verspielt und eifrig, aber nicht sehr selbstsicher, wie ein neues Kätzchen in einem Haus, in dem man sich nicht viel aus Kätzchen macht.”

– Raymond Chandler

Aus: The Lady in the Lake, 1943. Zitat übersetzt von Johannes Beilharz.

16.12.23

Aus den magnetischen Feldern

 


“Das unermessliche Lächeln der ganzen Erde hat uns nicht genügt: wir brauchen noch größere Wüsten, Städte ohne Vororte und tote Meere.”

– André Breton & Philippe Soupault

Ein Zitat aus Les Champs magnétiques der Surrealisten André Breton und Philippe Soupault, verfasst 1919 unter Anwendung der von den beiden Autoren erfundenen Methode des automatischen Schreibens. 

Das Zitat hat etwas annähernd Prophetisches – wenn Klimawandel und Umweltvernichtung fortschreiten wie bisher, bekommen wir wohl in absehbarer Zukunft das, was sich die Autoren da so beschwingt automatisch gewünscht haben.

Zitat übersetzt und Nachbemerkung von Johannes Beilharz.

Der oben abgebildete Buchdeckel ist der einer Neuveröffentlichung bei Poésie / Gallimard von 1971.

15.12.23

Legenden des Wilden Westens in Künstlerbildern

1. Old Shatterhand bringt Nscho-tschi das Schießen bei oder umgekehrt


2. Evil Long Silver kommt aus dem Saloon – nur sein Pferd verharrt angezurrt; alle anderen sind geflohen


3. Bevor es Mount Rushmore gab, gab es diese Desperados als Vorbilder (von links nach rechts: Rusty Reagan, Cliff Mystic Rousevelt, Curt Colbain, Red Hot Moon)


4. Wild Bill Clinger auf Bronco Billy


5. Bill “The Lip” Clynton und Sitting Bulldog


6. Justin “Red” Rydler mit seiner geliebten Remington



20.11.23

Nan Witcomb – Im Kopf liebe ich den Geschmack des Lebens

 


Im Kopf 
liebe ich den Geschmack des Lebens – 
In Wirklichkeit jedoch 
geht die Süße 
oft in der Verwirrung
des Lebens verloren ...

– Nan Witcomb

Ins Deutsche übersetzt von Johannes Beilharz im November 2023 zu Ehren der diesen Monat im Alter von 95 Jahren verstorbenen australischen Autorin.

9.11.23

Richard Brautigan – Endlich stimmen unsere Körper überein

 


Endlich stimmen unsere Körper überein.
Ich wette, du dachtest, das 
würde nie geschehen. Auch ich 
hielt es für unwahrscheinlich.
Eine angenehme Überraschung.

– Richard Brautigan

Originaltitel: “At Last Our Bodies Coincide”, aus Richard Brautigan, Rommel Drives On Deep Into Egypt (1970). Ins Deutsche übersetzt von Johannes Beilharz.

7.9.23

A movie date

 


(A tale from a not so distant past)

Dedicated to Zoyâ Pirzâd

Morad had not arrived by the agreed time, was already fifteen minutes late. 
She’d gone to the window umpteen times, pulled aside the curtain and looked out for him. 
To avoid her mother’s suggestive glances and silence, she left the house and walked down the street to the public phone booth. Occupied by weighty and visibly sweating Mme Samadani, engaged in never-ending chitchat. 
When her turn finally came, Morad’s mother had no clue where he was. Maybe he’d simply forgotten, she surmised with a cascade of laughter. This cascade of laughter was soon to be her mother-in-law. Provided, of course, that Morad could be forgiven for not showing up on time.
To top it all off, Morad had arrived when she returned, listening attentively to her mother’s detailed description of how to knit God knows what.
Things did not bode well for the planned movie outing.
They would miss the beginning of the film, and she hated to miss the beginning of a story.
In fact, even the time before the beginning was essential, because Morad would be able to buy popcorn and drinks for the two of them. Allowing them to enter when the lights were still on, allowing them to see the previews.
The whole world, including his cascading mother and her own mother, thought this man was a great catch. 
But would he prove himself worthy ... at the right time?

– Johannes Beilharz (© 2023)

Author's note
Reading the book Le goût âpre des kakis (published by Zulma in Paris in 2009) by Iranian author Zoyâ Pirzâd, pictured above, inspired this story.

German version: Eine Kinoverabredung

24.5.23

25 Grad

Dame
mit
schwarzer
Sonnenbrille
und
I-Phone
mit
geschlossenen
Fenstern
im
schwarzen
Mercedes
neben
mir
lässt
den
Motor
laufen
und
sich
mit
kühler
Kunstluft
berieseln
während
sie
vor
der
Schule
bei
25 Grad
auf
ihren
Nachwuchs
wartet

Ihre
Rechnung
geht
auf

Was
sind
schon
ein
Liter
Benzin
und
etwas
Co2
und
Stickoxid
im
Vergleich
zur
eigenen
Behaglichkeit

Ist
doch
bezahlbar

– Iself (© 2023)

 

So mitbekommen am Nachmittag des 23. Mais 2023 und nichts dazuerfunden.

15.5.23

Gedichte von Mark Strand, Samuel Noyola, James Schuyler und Louise Bogan

 

Die Neueinstellung der zuvor bei FixPoetry veröffentlichten Gedichtübersetzungen schreitet fort. 

Heute sind die Übersetzungen der Gedichte von Mark Strand (1934-2014, USA), Samuel Noyola (geb. 1965, Mexiko), James Schuyler und Louise Bogan (beide USA) hinzugekommen.

Sie sind auf der eigens erstellten Webseite zu lesen.

27.4.23

Das wird wieder ein Münchhausen-Gedicht!

 


Ich sag dir, das wird wieder ein Münchhausen-Gedicht!

Wieso denn das?

Weil es sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf hievt.

  

– Iself (© 2023)

  

Ist das nun ein echter Kalauer oder nicht?

16.3.23

Octavio Paz – Tanghi-Garu-Pass

 


Tanghi-Garu-Pass

Ein belastetes Land:
Der Winter hat es mit seinen Waffen gezeichnet,
Dornenkleid war der Frühling.

Berge von Glimmer. Schwarze Ziegen.
Unter den schlafwandlerischen Hufen
Schimmert missbilligend der Schiefer.

Feststehende Sonne, angenagelt
An die riesige steinerne Narbe.
Der Tod denkt uns.

– Octavio Paz

Titel des spanischen Originals: Paso de Tanghi-Garu. Aus: Octavio Paz, Ladera Este, 1969. Ins Deutsche übertragen von Johannes Beilharz. Der Pass im Titel des Gedichts, auch Tang-e Ghārō geschrieben, befindet sich in Afghanistan an der Strecke von Dschalalabad nach Kabul.

Foto von Octavio Paz von Ricardo Salazar

9.2.23

Charles Bukowski – Sie schlug die Tür zu

Sie schlug die Tür zu und war weg. 
Ich schaute auf die geschlossene Tür
und auf den Türknauf, und seltsamerweise 
fühlte ich mich nicht allein.

– Charles Bukowski

Ins Deutsche übersetzt von Johannes Beilharz. Das amerikanische Original stammt aus Bukowskis Gedichtband You Get So Alone at Times That It Just Makes Sense (1986).

4.12.22

Bayerische Kartenspieler

Ein absurder Dialog

Nr. 1 (schnuppert): Hier stinkt’s.

Nr. 2 (schnuppert): Riecht nach Furz.

Nr. 3 (schnuppert): Ja, wirklich.

Nr. 1: Werden die Hunde sein.

Nr. 2 (sieht sich um): Sind keine da.

Nr. 3: Werden schon noch kommen.

-----

Ein alter bayerischer Witz, neu in Hochdeutsch gefasst.



29.8.22

A gardening poem

 


Having read
just now
that gardening poems
have a long tradition, 
here’s mine:

My wife’s thumb
is much greener
than mine, which
is why the gardening
is her doing alone

– Iself (© 2022)

Photo by Nils Stahl on Unsplash

7.7.22

Yannis Ritsos - Vielleicht, eines Tages

 


Yannis Ritsos

Vielleicht, eines Tages

Ich möchte dir diese rosa Wolken in der Nacht zeigen.
Du siehst aber nichts. Es ist Nacht – was kann man da schon sehen?

Jetzt bleibt mir nichts anderes übrig, als mit deinen Augen zu sehen, sagte er,
damit ich nicht allein bin, damit du nicht allein bist. Und tatsächlich 
ist da nichts, da drüben, wo ich hinzeige.

Nur die Sterne drängen sich in der Nacht zusammen, müde, 
wie Leute, die im Lastwagen von einem Picknick zurückkommen, 
enttäuscht, hungrig, niemand singt, 
mit verwelkten Wildblumen in den verschwitzten Handflächen.

Aber ich werde darauf bestehen, zu sehen und dir zu zeigen, sagte er, 
denn wenn du nichts siehst, wird es so sein, als sähe auch ich nichts –  
ich werde wenigstens darauf bestehen, nicht mit deinen Augen zu sehen – 
und vielleicht werden wir eines Tages aus unterschiedlichen Richtungen aufeinander treffen.

Titel des griechischen Originals: Ίσως μια μέρα. Ins Deutsche übertragen von Johannes Beilharz (© 2022). 

Photo by Nacho Rochon on Unsplash

6.7.22

Aufgelesene Bücher

 


Aufgelesen in der öffentlichen Bücherkiste in Walddorfhäslach.

Über diese interessante Autorin des deutschen Expressionismus (1880-1945) ist leider nur wenig bekannt – nicht einmal ihr Todestag (behördlich festgelegt). Einige ihrer Novellen wurden zwischen 1911 und 1936 in der Zeitschrift Simplicissimus veröffentlicht.

Aufgelesene Bücher

 

  

Aufgelesen im Weggebe-Bücherkasten der Lyrikhandlung am Hölderlinturm in Tübingen. Über Anton G. Leitner

16.6.22

Die kürzeste je geschriebene Ode

 

– Iself (© 2022) 

Was der Autor nach dem Ersinnen dieser kürzesten Ode aller Zeiten notierte:

Fiel mir vor ein paar Minuten ein, als ich bei Federico García Lorca über irgendwelche Oden stolperte.

Ist mir eigentlich komplett egal, was eine Ode ist.

Jedenfalls sind die Chancen dieses Meisterwerks, jemand anzuöden (wie dies bei Oden öfter vorkommt), eher gering.

18.5.22

Gabriel Ferrater – Wenn ich kann

 


Wenn ich kann

Etwas ist in ein Gedicht 
eingetreten, von dem ich weiß, 
dass ich es schreiben muss, und 
ich weiß nicht, wann, wie oder was 
es ausdrücken wird. Wenn ich kann, 
werde ich es zu dir hinführen.
Lass es von deinem Haar sprechen 
oder der Sonnenflocke, 
die auf deinem Fingernagel tanzt.
Aber vielleicht wird mir nicht immer 
ganz in Erinnerung sein, wie ich dich jetzt sehe.
Ich habe den dunklen Klang 
von etwas gehört, das mir in einen 
Brunnen hineingefallen ist. Werde ich, wenn es 
aufsteigt, erkennen, dass es diesem Moment entstammt?

– Gabriel Ferrater

Titel des katalanischen Originals Si puc, erschienen in: Gabriel Ferrater, Mujeres y días / Edición bilingüe, Seix Barral, Barcelona, 1979.

Aus dem Katalanischen übersetzt von Johannes Beilharz anlässlich des 100. Geburtstag seines Autors am 22.5.2022. 

Copyright © der Übersetzung Johannes Beilharz 2022. Wiedergabe, Kopieren nur mit ausdrücklicher Genehmigung durch den Übersetzer.

Weitere Gedichte von Gabriel Ferrater in Übersetzung von Johannes Beilharz sind hier zu finden.



16.5.22

Squeaky Clean Herds – a Haiku

 

Matsuo Basho / James Schuyler

Matsuo Bashō / James Schuyler

  

A Madlib Haiku

In the pitiless sky
these squeaky clean herds
A dull armpit

by Bashō & Schuyler & Iself

Note

This haiku was written by Madlib based on input from James Schuyler – specific words from his poem The Dog Who Wants His Dinner (contained in The Crystal Lithium, published in 1972). Madlib appears to use words by haiku master Matsuo Bashō in generating its haiku. Ultimately, I myself can also claim some part of the authorship because I was the one who selected the Schuyler poem and the words to be used from it. How's that for collaboration across centuries and media?

6.4.22

Why constipation is the root of a lot of evil


Here’s an excerpt from a novel that tells you why.

SADHU
Oho. I thought he looked constipated the moment I saw him.

TRANSLATOR
What? What? You want me to tell him that?

SADHU
Why not? Tell him that’s probably why he’s impelled to invade other nations and massacre tribes and all of that – any student of yoga will tell you that mistreating the body leads to mental disaster. Yogic science has shown that people who hold it in are inescapably driven to behaviour like running about slashing at people, besieging towns, and frivolous acts of bravery.

TRANSLATOR
Now you’ve done it. He has those fits when he gets angry, see, he’s rolling about on the ground. Last time he did that he put a city of eighty thousand to the torch, no survivors.

SADHU
He’d be a lot better off if he shat more often. I wonder what his per week rate is.

TRANSLATOR
I’m not going to ask him, understand? He’ll kill you and all your friends and probably all the rest of Sindh too. I refuse on the grounds of conscience. It’s my job, but I refuse for the well-being of all the population of this country.

SADHU
There’s a yogic cure for constipation. Every morning, you take ...

TRANSLATOR
Shut up. Shut up. You’ve caused enough trouble for one day.

SADHU
You’d be remembered as the man who saved the world from Sikander the butcher. Get this fellow shitting right and he’ll probably go home, quiet as a lamb.

From the novel Red Earth & Pouring Rain (1995) by Vikram Chandra.

While this refers to an ancient personality (Alexander the Great), it could just as easily apply to another, more current megalomaniac who hails from Russia. The best for all of those who put cities to the torch would indeed be to go home.

2.4.22

Dmytro Chystiak – Lebendiges Land

Lebendiges Land

   

Für Anastassiya Kobzina und Ilia Solovyov, in memoriam


І

Mein Großvater starb ohne ein Wort über den Krieg.

Ohne ein Wort über den Krieg starb meine Großmutter.

Über Hunger und Arbeit an der Front

Ließen sie ein paar harte Worte fallen, mehr nicht.

Der 9. Mai war der größte ihrer Feiertage,

Ihre Lieder, ihre Tränen, ohne ein Wort über den Krieg.

“Ich werde nicht reden, mein Herr! 

Nie wieder, nie wieder. Wir werfen dich

Auf den Karren und dann ins Massengrab.”

Die Worte meiner Großmutter an ihrem Grab.


ІІ

In meinem Bücherregal, unter den Bombardements,

Die mit Orden bedeckte Uniform meines Großvaters,

Sein Dolch (17 Jahre alt, Schtscholkowo bei Moskau,

Dann die Nordsee, viele Tote

In diesem Land aus Eis, dann der Gesang,

Fußball, Kachowka und Kiew, die Liebe seines Lebens,

Die mich auch heute noch zum Lächeln bringt),

Die Medaillen meiner Großmutter, Tochter des Krieges

(Kindheit in der Kolchose, alles für die Front,

Und ein freundlicher Deutscher sagt “Versteck dich!”,

In der Region Winnyzja ein ganzer Winter,

Auf dem Dachboden versteckt sie sich, und die Ostarbeiter werden abgeholt.

Dann der Gesang, der Sozialismus und der Absturz

Und seine Recherchen über Stalins große Hungersnot),

Sie bleiben trotzdem zusammen, mit

Zwei Schwesterrepubliken, in den Bücherregalen,

Unter den Bombardierungen, explodieren dann.


ІІІ

Dieses Winterland ist lebendig, tief.

Kein Wort über den Krieg in ihrem gemeinsamen Grab.

Die Rakete weckt sie auf, wie sie es im Heiligtum von Babi Yar tat,

Und sie kommen aus der anderen Welt, aber ich weiß,

Sie sind nicht auf der anderen Seite, sie schließen sich

Uns an. Und meine Großmutter verharrt

Mit den Freiwilligen, und mein Großvater mit den Matrosen,

Auf unserer Seite, bei denen, die den Kosaken folgen,

Denen, die die Angst ignorieren und sich

Ungeschützt auf Panzer werfen, in der Steppe,

Wie zu den Zeiten der Hellenen, in diesem alten Land

Wo "Ruhm!" fällt, Donner auf Donner.


ІV

Dieses Winterland ist noch lebendig, so weit weg.

Mein Großvater aus Schtscholkowo kämpft,

Meine Großmutter aus Hajssyn bleibt standhaft,

Hinter ihnen der Widerhall von Dunkelheit über Dunkelheit,

Lichtern über Lichtern, Welten über Welten,

Blutig, auf den Kreuzen wachsen

Die Rosen des himmlischen Jerusalem,

Ihr Blut vereint Konstantinopel und Kiew,

Das Rubedo der wiederauferstandenen Städte,

Jahrhundert um Jahrhundert, Tempel um Tempel,

Um unseren gemeinsamen Baum zu gießen,

Auf einen Frühling hin, der endlich zu erkennen ist.


Verfasst am 7.3.2022 in Kiew


– Dmytro Chystiak


Aus einer vom Autor erhaltenen englischen Fassung mit seiner freundlichen Genehmigung ins Deutsche übersetzt von Johannes Beilharz.

22.1.22

Kabir – Verleumdung

 


Verleumdung

   

Verleumdung! Verleumdung! 

     Die Leute verspotten mich –  

die Leute lieben es wirklich

     zu verleumden und zu beflecken.

Verleumdung ist mein Vater,

     Verleumdung ist meine Mutter.


Wenn dein Name angeschwärzt wurde,

     gehst du nach Vaikuntha –  

die Bedeutung des wahren Namens

     wird sich in deinem Geist festsetzen.


Es gibt so viel Verleumdung,

     mein Herz ist geläutert –  

mein Verleumder

     schrubbt meine Kleider sauber.


Wer mich verleumdet

     ist mein Freund – 

mein Herz öffnet sich

     jedem Verleumder.


Wer aufhört, mich zu verunglimpfen,

     ist mein wahrer Kritiker – 

ein solcher Anprangerer

     macht mir das Leben zur Hölle.


Die Verleumdung ist

     meine innig Geliebte – 

Verunglimpfung bringt mich

     in ihre Schuld.


Jeder

     schleudert Schlamm auf Kabir – 

mein Verleumder ertrinkt,

     ich lande am anderen Ufer.


– Kabir (1398-1448)

Aus: Kabir – The Weaver’s Songs, ins Englische übersetzt von Vinay Dharwadker (Penguin Books India, 2003). Deutsche Übersetzung von Johannes Beilharz (© 2022).

Kabir in satirischer Stimmung. Seine Antwort auf Verleumdung erinnert an Jesus’ subversiven Rat, die andere Wange hinzuhalten.

10.1.22

Alexander Lernet-Holenia - Mars im Widder

 


“Ich habe zum Beispiel gelesen, daß jemand einmal einen Straßenunfall und dabei das Bewußtsein verloren hatte. Als er wieder zu sich kam, fand er sich in seinem Bette liegen, und neben dem Bette saß einer seiner Freunde, von dem er wußte, daß er seit langem verstorben sei.

‘Wie kommst du denn hierher?’ fragte er ihn. ‘Du bist doch tot!’

‘Du auch’, sagte der andere.”

– Alexander Lernet-Holenia, Mars im Widder (Erstdruck 1941, vor Auslieferung verboten)

Einer meiner Lieblingsromane, den ich gerade mit großem Vergnügen zum vierten oder fünften Mal lese.


8.1.22

José Antonio Labordeta - Aragón (1977)


Aragón

Polvo, niebla, viento y sol,
Donde hay agua una huerta.
Al Norte los Pirineos:
Esta tierra es Aragón.

Al Norte los Pirineos
Al Sur la tierra callada.
Pasa el Ebro por el centro
Con su soledad a la espalda.

Dicen que hay tierras al Este
Donde se trabaja y pagan.
Hacia el Oeste el Moncayo
Como un Dios que ya no ampara.

Desde tiempos a esta parte
Vamos camino de nada.
Vamos a ver cómo el Ebro
Con su soledad se marcha.

Y con él van en compaña
Las gentes de estas vaguadas,
De estos valles, de esta sierra,
De estas huertas arruinadas.

Polvo, niebla, viento y sol,
Donde hay agua una huerta.
Al Norte los Pirineos:
Esta tierra es Aragón.

~~~~~~~~~~~

Aragon

Staub, Nebel, Wind und Sonne,
Wo es Wasser gibt, ein Obstgarten.
Im Norden die Pyrenäen:
Dieses Land ist Aragon.

Im Norden die Pyrenäen
Im Süden das stille Land.
Der Ebro fließt durch das Zentrum
Mit seiner Einsamkeit im Rücken.

Es heißt, dass es im Osten Länder gibt
In denen es Arbeit gibt, die bezahlt wird.
Im Westen der Moncayo
Wie ein Gott, der nicht mehr beschützt.

Seit undenklichen Zeiten
Sind wir auf dem Weg ins Nichts.
Sehen zu, wie sich der Ebro
Mit seiner Einsamkeit verabschiedet.

Und mit ihm zusammen gehen
Die Menschen dieser Senkungen,
Dieser Täler, dieser Berge,
Dieser zerstörten Obstgärten.

Staub, Nebel, Wind und Sonne,
Wo es Wasser gibt, ein Obstgarten.
Im Norden die Pyrenäen:
Dieses Land ist Aragon.

Deutsche Übersetzung von Johannes Beilharz (2022)

Eines der bekanntesten Lieder des spanischen Sängers, Schriftstellers und Politikers José Antonio Labordeta (1935-2010). Erstmals veröffentlicht auf der LP Cantar i callar (1974).

Influencers

 


They all sound and behave like clones who don’t even know what they’re cloning.

– Iself (2022)

Photo by Mateus Campos Felipe on Unsplash

12.11.21

Some cats


Some cats

Some like it wild,
Some like it hot,
Some like it in a bag,
And why not!

– Felix Morgenstern (© 2021)

19.6.21

Now, if I were

Charles Bukowski,
I wouldn’t even
feel bad about being
a pessimistic antisocial
old grouch.

I’d simply curse at
what angers me
and not waste a thought
on whether that’s
wrong or right

or whether
somebody
might give a fuck.

– Iself (© 2021)

19.3.21

Alles wird gut

 

“Alles wird gut”

Wenn man’s richtig bedenkt, dann hätte – aufgrund von mangelnder Sicherheit bezüglich der letztendlichen Wahrheit dieser in diesen herausfordernden Tagen so beliebten zukunftsorientierten Aussage – das genaue Gegenteil, also “Alles wird schlecht”, eine 50-prozentige Chance, ebenfalls einzutreffen. 

Am wahrscheinlichsten ist aber zweifellos die Aussage “Alles wird irgendwie”, die wegen ihrer weit offenen Unbestimmtheit alles zulässt und somit einen Wahrheitsgehalt von 100 Prozent hat.

– Iself (© 2020)

24.2.21

Im Osten nichts Neues

 


Hämmern, Bohren, Schleifen jeden Tag – 
das ist’s, was der Nachbar mag.

– Felix Morgenstern (© 2021)

Nachbemerkung
So versüßt der Nachbar im Osten nun schon seit Jahren die Tage.

Foto von Benjamin Trösch auf Unsplash

15.12.20

Sarah Kirsch – Queen Hortensia


At the castle gate there is a green hortensia. Green leaves, green flowers. When the leaves droop, I take a plastic jug and run for water. Queen Hortensia.

– Sarah Kirsch

Translation by Johannes Beilharz. Source: Sarah Kirsch, La Pagerie, dtv, 1984.

Translator's note
By calling the flower Queen Hortensia, the author appears to obliquely allude to Hortense de Beauharnais (1783-1837), queen consort of Holland and stepdaughter of Napoleon I.

14.12.20

Cookies of the undesirable kind

 

I’m getting diabetes from all the cookies on my PC.

– Iself (© 2020)

Every Joe Goggle Blow wants to sick the saccharine crap onto your computer to give you that oh so enhanced user experience. User experience my ass – they just want to track you so they can send their advertising experience after you.

7.10.20

No views today

No views today,
what will my mother say?

No views – 
I got the blues.

– Felix Morgenstern (© 2020)

Could easily be the beginning of a song, with a melody similar to that of “No milk today” by Herman’s Hermits, which inspired this ditty to some extent. Silly as it may seem, the number of views or likes something gets on the Internet has become extremely (and even monetarily) important for lots of people, so that no views may actually become a cause for the blues.